Der Ablauf ist in fast jedem Konto derselbe. Die Brand-Kampagne liefert weniger aus, jemand fragt nach, und die Antwort lautet: die Nachfrage nach der Marke sei zurückgegangen. Das klingt plausibel, lässt sich schwer widerlegen – und ist in den meisten Fällen falsch.

Es gibt eine Rechnung, die den Fall in wenigen Minuten entscheidet. Sie braucht keine externen Werkzeuge, keine Marktdaten und keine Diskussion. Sie besteht aus zwei Kennzahlen, die in jedem Google-Ads-Konto stehen, und einer Division.

Die Kurzfassung: Teilen Sie die Impressionen Ihrer Brand-Kampagne durch den Suchanteil. Das Ergebnis sind die möglichen Impressionen – die Zahl der Auktionen, für die Ihre Kampagne überhaupt zugelassen war. Fällt diese Zahl, liegt die Ursache in der Kontöinrichtung. Fällt nur der Suchanteil, liegt sie beim Gebot oder beim Budget.

Ausgangslage

1. Warum „die Nachfrage ist gesunken“ fast immer die falsche Antwort ist

Markennachfrage ist träge. Sie folgt Bekanntheit, Zufriedenheit und Saison – sie bricht nicht innerhalb weniger Monate um vierzig Prozent ein, solange das Unternehmen normal weiterarbeitet. Wenn die Impressionen einer Brand-Kampagne deutlich schneller fallen als alles andere im Markt, ist der Markt selten die Erklärung.

Der zweite Grund ist methodisch: Wer den Rückgang mit der Nachfrage erklärt, stellt eine Behauptung auf, die er selbst belegen müsste. In der Praxis wird sie fast nie belegt, weil die dafür nötigen Daten gar nicht erhoben werden. Genau deshalb lohnt sich der Gegenbeweis aus dem Konto: Er ist billiger als jede Marktforschung und deutlich schwerer zu bestreiten.

Die Kennzahl

2. Die Kennzahl, die kaum jemand ansieht: mögliche Impressionen

Google weist den Suchanteil aus – in der Oberfläche „Anteil an möglichen Impressionen im Suchnetzwerk“. Er beantwortet die Frage: Von allen Auktionen, für die diese Kampagne zugelassen war, wie viele hat sie tatsächlich gewonnen?

Daraus folgt unmittelbar die Rechnung, die im Bericht selbst nicht steht:

Mögliche Impressionen = Impressionen ÷ Suchanteil

Diese Grösse ist der eigentliche Marktkorb der Kampagne. Sie beschreibt nicht, wie gut geboten wurde, sondern an wie vielen Auktionen die Kampagne überhaupt teilnehmen durfte. Und sie hat eine nützliche Eigenschaft: Gebote und Budgets beeinflussen sie nicht. Wer mehr bietet, gewinnt mehr Auktionen – aber die Zahl der Auktionen bleibt gleich.

Dasselbe Konto, zwei Jahre: Impressionen fallen, Suchanteil steigt
Impressionen, Suchanteil und mögliche Impressionen im Vergleich Rechenbeispiel, gerundet Impressionen 400.000 250.000 Jahr 1 grün · Jahr 2 rot Suchanteil 25 % 60 % steigt, statt zu fallen Mögliche Impressionen = Impressionen ÷ Suchanteil 1.600.000  →  417.000 − 74 % Die Zahl der Auktionen, für die die Kampagne überhaupt zugelassen war, bricht ein.

Im Rechenbeispiel oben fällt die Zahl der Impressionen um knapp vierzig Prozent. Gleichzeitig steigt der Suchanteil deutlich. Beides zusammen ist nur möglich, wenn der Marktkorb selbst eingebrochen ist – um 74 Prozent. Die Kampagne gewinnt anteilig mehr Auktionen als vorher, aber es gibt kaum noch welche.

Diagnose

3. Der Entscheidungsbaum: zwei Fälle, zwei völlig verschiedene Ursachen

Sobald Sie beide Kennzahlen im Zeitverlauf nebeneinander haben, gibt es nur zwei Muster – und sie führen zu völlig verschiedenen Massnahmen.

Fall A – Impressionen fallen, Suchanteil steigt oder bleibt gleich. Die möglichen Impressionen sind eingebrochen. Die Kampagne wird aus Auktionen ausgeschlossen. Ursache: die Einrichtung.

Fall B – Impressionen fallen, Suchanteil fällt mit. Der Marktkorb ist stabil, die Kampagne verliert die Auktionen. Ursache: Gebot, Budget oder Anzeigenrang.

Ein dritter Fall existiert theoretisch – beide Grössen fallen, und zusätzlich schrumpft der Markt. Dann müssen Sie ihn mit externen Daten belegen, nicht behaupten. Wie das geht, steht in Abschnitt 7.

Fall A

4. Fall A: Die Kampagne wird aus Auktionen ausgeschlossen

Vier Mechanismen senken die möglichen Impressionen. Alle vier sind Einstellungen, keine Marktereignisse.

Ausschliessende Keywords. Der häufigste Fall, und mit Abstand der unauffälligste. Dazu Abschnitt 6.

Weniger oder engere Keywords. Wer von weitgehend passend auf genau passend umstellt oder Begriffe entfernt, verkleinert den Korb sofort. Das kann richtig sein – es muss nur bekannt sein.

Engere geografische Ausrichtung. Ein gestrichener Quellmarkt oder ein verkleinerter Radius wirkt unmittelbar auf die Zulassung, nicht auf den Wettbewerb.

Nicht auslieferungsfähige Anzeigen. Abgelehnte Anzeigen, leere Anzeigengruppen oder pausierte Elemente nehmen ganze Teile der Kampagne aus dem Rennen. Google weist das im Kampagnenstatus als „Aktiv (eingeschränkt)“ aus – eine Zeile, die viele Berichte gar nicht erst mit ausgeben.

Fall B

5. Fall B: Die Kampagne verliert die Auktionen

Hier zeigen zwei weitere Spalten, welche der drei Ursachen vorliegt: Anteil entgangener Impressionen (Budget) und Anteil entgangener Impressionen (Rang).

Budget. Steigt der Budgetverlust, ist das Tagesbudget der Engpass. Leicht zu prüfen: Tagesbudget mal Anzahl Tage gegen die tatsächlichen Kosten rechnen. Liegt die Ausschöpfung deutlich unter hundert Prozent, ist Budget nicht die Ursache – egal was die Spalte suggeriert.

Anzeigenrang. Steigt der Rangverlust, ist das Gebot zu niedrig oder die Qualität zu schlecht. Auf Markenbegriffen sollte beides kaum vorkommen: Die eigene Marke ist der relevanteste denkbare Treffer.

Das Gebotsziel. Der oft übersehene Fall. Ein zu hoher Ziel-ROAS oder ein zu niedriger Ziel-CPA drosselt die Gebote so lange, bis der Zielwert erreicht ist – auch dann, wenn Budget übrig ist. Das typische Bild: hohes Budget, niedrige Ausschöpfung, hoher Rangverlust. Verschärft wird es, wenn die Conversion-Messung Werte verliert: Das System sieht dann einen zu niedrigen Ertrag und drosselt stärker, als es müsste.

Praxisregel: Wenn ein Konto sein Budget nur zu einem Bruchteil ausschöpft und trotzdem einen hohen Rangverlust ausweist, ist fast immer das Gebotsziel der Engpass – nicht das Geld. Prüfen Sie in diesem Fall zuerst, ob die Conversion-Werte stimmen, bevor Sie am Zielwert drehen.

Der Klassiker

6. Die häufigste Einzelursache: weitgehend passende Ausschlüsse

Ausschliessende Keywords wachsen über Jahre. Sie werden angelegt, um Streuverluste zu vermeiden, und danach nie wieder gelesen. Genau darin liegt das Risiko.

Ein weitgehend passender Ausschluss blockiert jede Suchanfrage, die den Begriff enthält – unabhängig davon, was noch dabeisteht. Ein Ausschluss golf nimmt auch „Hotel mit Golfplatz“ aus dem Rennen. Ein Ausschluss auf einen Ortsteil, einen Gebäudenamen oder eine Untermarke trifft im schlimmsten Fall die eigenen stärksten Markenanfragen.

Zwei Prüfungen, die sich lohnen:

Erstens: Exportieren Sie die Liste und filtern Sie auf den Modus. Genau passende Ausschlüsse sind meist unkritisch. Konzentrieren Sie sich auf die weitgehend passenden – in vielen Konten sind das nur wenige Prozent der Einträge, und sie richten den gesamten Schaden an.

Zweitens: Lesen Sie diese Liste gegen Ihr eigenes Leistungsangebot. Jeder Begriff, der ein eigenes Produkt, einen eigenen Standort oder eine eigene Marke beschreibt, gehört geprüft. Und prüfen Sie den Änderungsverlauf: Er zeigt, wann ein Eintrag angelegt wurde. Fällt das Datum mit dem Beginn des Rückgangs zusammen, ist die Ursachenfrage beantwortet.

Gegenprobe

7. Die externe Gegenprobe – und ihre Fallstricke

Wenn die Marktbehauptung im Raum steht, hilft ein Blick von aussen: Google Trends für den relativen Verlauf, ein Sichtbarkeitswerkzeug wie Sistrix oder Semrush für geschätzte Suchvolumina. Zwei unabhängige Quellen mit derselben Richtung sind ein belastbares Indiz.

Drei Fallstricke sollten Sie vorher kennen.

Der Markenname ist selten eindeutig. Viele Marken tragen einen Ortsnamen oder ein Alltagswort. Das Volumen enthält dann Anfragen, die nichts mit Ihnen zu tun haben. Der Ausweg ist ein Korb eindeutiger Markenbegriffe – Kombinationen aus Marke plus Kategorie, Standort oder Produktname. Sie sind unzweideutig und in jedem Werkzeug auswertbar.

Rauschen erzeugt keinen Trend. Der nicht markenbezogene Anteil eines Suchbegriffs ist über die Jahre weitgehend konstant. Er verschiebt das Niveau, nicht die Richtung. Wer behauptet, die Markennachfrage sei bei steigender Gesamtkurve gefallen, müsste zeigen, dass das Rauschen überproportional gewachsen ist.

Google Trends ist relativ. Der Index setzt den Höchststand des gewählten Zeitraums auf 100. Er ist eine Verlaufskurve, keine Mengenangabe – und taugt nur für Aussagen über die Richtung.

Anleitung

8. In sechs Schritten zur belegten Ursache

Schritt 1 – Zeitraum wählen. Vergleichen Sie identische Fenster zweier Jahre, nicht Monat gegen Vormonat. Saison schlägt sonst jede Analyse.

Schritt 2 – Spalten ergänzen. Impressionen, Klicks, Kosten, Conversions, Conversion-Wert, Anteil an möglichen Impressionen, entgangene Impressionen (Budget), entgangene Impressionen (Rang), Gebotsstrategie. Segment: Monat.

Schritt 3 – Mögliche Impressionen berechnen. Impressionen geteilt durch Suchanteil, je Monat. Diese Spalte entscheidet den Fall.

Schritt 4 – Budget gegenrechnen. Tagesbudget mal Tage gegen die Ist-Kosten. Damit ist Budget als Ursache entweder bestätigt oder ausgeschlossen.

Schritt 5 – Änderungsverlauf ziehen. Über denselben Zeitraum, ohne Filter. Er ist die einzige Quelle, die nachträglich nicht bereinigt werden kann.

Schritt 6 – Ausschlusslisten und Anzeigenstatus prüfen. Weitgehend passende Ausschlüsse, abgelehnte Anzeigen, Kampagnen mit eingeschränktem Status.

Der Aufwand liegt bei etwa fünfzehn Minuten, wenn die Zugänge vorliegen. Am Ende steht kein Verdacht, sondern eine Zahl.

Zusammenarbeit

9. Was das für die Zusammenarbeit mit einer Agentur bedeutet

Diese Rechnung verändert die Gesprächslage. Statt „Warum sinken die Zahlen?“ – eine Frage, auf die es immer eine allgemeine Antwort gibt – stellen Sie eine Frage, die nur eine Antwort zulässt: Die möglichen Impressionen sind um X Prozent gefallen. Welche Einstellung im Konto hat dazu geführt?

Bitten Sie um drei Dinge, und zwar schriftlich: die Monatsreihe der genannten Spalten über zwölf Monate, den Änderungsverlauf desselben Zeitraums und eine Einschätzung, welche Faktoren im Konto die Entwicklung erklären. Wer sein Konto kennt, liefert das an einem Nachmittag.

Fazit

10. Fazit: Eine Division ersetzt eine Diskussion

Sinkende Brand-Impressionen sind fast nie ein Marktproblem. Sie sind ein Zulassungsproblem – und Zulassung ist eine Einstellung, kein Schicksal. Die entscheidende Kennzahl steht in keinem Standardbericht, lässt sich aber aus zwei vorhandenen Spalten in einer Zeile berechnen.

Wer sie einmal berechnet hat, diskutiert nicht mehr über Nachfrage. Er sucht die Einstellung, die den Korb verkleinert hat – und findet sie in der Regel im Änderungsverlauf.

FAQ

11. FAQ: Häufige Fragen zu sinkenden Brand-Impressionen

Was sind mögliche Impressionen in Google Ads?

Mögliche Impressionen sind die geschätzte Zahl der Auktionen, für die eine Kampagne zugelassen war. Google weist sie nicht direkt aus, sie lassen sich aber berechnen: Impressionen geteilt durch den Anteil an möglichen Impressionen im Suchnetzwerk. Fällt dieser Wert im Zeitverlauf, wurde die Kampagne aus Auktionen ausgeschlossen – durch Ausschlüsse, engere Keywords, engere geografische Ausrichtung oder nicht auslieferungsfähige Anzeigen.

Warum sinken meine Brand-Impressionen, obwohl die Marke bekannter wird?

In den meisten Fällen liegt es an der Kontöinrichtung, nicht am Markt. Prüfen Sie zuerst, ob der Suchanteil im selben Zeitraum gestiegen ist. Ist er das, sind die möglichen Impressionen gefallen, und die Ursache liegt bei Ausschlüssen, Keywords, Ausrichtung oder abgelehnten Anzeigen. Fällt der Suchanteil ebenfalls, geht es um Gebot, Budget oder Anzeigenrang.

Kann ein Ziel-ROAS die Auslieferung bremsen, obwohl Budget übrig ist?

Ja. Bei zielwertbasierten Gebotsstrategien senkt das System die Gebote so weit, bis der vorgegebene Zielwert erreichbar erscheint. Ist der Zielwert zu hoch angesetzt oder misst das Konto zu wenig Conversion-Wert, bleibt Budget liegen und der Anteil entgangener Impressionen durch Anzeigenrang steigt. Das typische Bild ist ein hohes Tagesbudget bei niedriger Ausschöpfung.

Wie erkenne ich schädliche ausschliessende Keywords?

Exportieren Sie die Liste und filtern Sie auf den Modus „weitgehend passend“. Diese Einträge blockieren jede Anfrage, die den Begriff enthält. Lesen Sie sie gegen Ihr eigenes Angebot: Begriffe, die eigene Produkte, Standorte oder Untermarken beschreiben, sind die kritischen. Der Änderungsverlauf zeigt zusätzlich, wann ein Eintrag angelegt wurde.

Reicht Google Trends als Beleg für die Markennachfrage?

Als alleiniger Beleg nicht. Der Trends-Index ist relativ und setzt den Höchststand des Zeitraums auf 100; er zeigt die Richtung, nicht die Menge. Belastbar wird die Aussage durch eine zweite, unabhängige Quelle und durch die Beschränkung auf eindeutige Markenbegriffe statt eines mehrdeutigen Markennamens.

Welche Daten sollte ich von meiner Agentur anfordern?

Drei Dinge: die Monatsreihe aus Impressionen, Klicks, Kosten, Conversions, Conversion-Wert, Suchanteil und den beiden Spalten für entgangene Impressionen über zwölf Monate; den vollständigen Änderungsverlauf desselben Zeitraums; und eine schriftliche Einschätzung, welche Faktoren im Konto die Entwicklung erklären.

Wie lange dauert eine solche Prüfung?

Mit vorhandenem Lesezugriff etwa fünfzehn Minuten für die Kernrechnung und ein bis zwei Stunden für die vollständige Ursachenanalyse einschliesslich Ausschlusslisten und Änderungsverlauf.

Stephan Michalik
Über den Autor
Stephan Michalik
Gründer Grünberg.Digital. · CEO Flio Germany GmbH

Maximale Performance durch die Symbiose aus Erfahrung und Innovation: Als Gründer von Grünberg.Digital. und CEO der Flio Germany GmbH – einem führenden Business Inkubator und Enabler – konzipiert Stephan Michalik ganzheitliche Onlinemarketing-Strategien. Ob treffsicheres SEA, umsatzstarkes E-Mail-Marketing oder verkaufsstarke Landingpages: Er kombiniert diese Core-Disziplinen nahtlos mit modernster KI. Das Ergebnis sind hocheffiziente, KI-gestützte Marketing-Ökosysteme für maximalen digitalen Vorsprung.

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